Ohne Werte kein Wandel von Aja Appel

Der Ruf nach einem Wertewandel in der Gesellschaft drückt die offensichtliche Unzufriedenheit über einen Status Quo aus.

Und er beschreibt gleichzeitig die Lösung, die man sich dafür vorstellt:

Ein Wertewandel muss her.

Aber ist ein Wertewandel tatsächlich eine Lösung für das, was man gerne anders hätte? Oder geht es vielleicht um etwas ganz anderes? Und was genau hätten wir denn überhaupt gerne? Haben wir exakte Klarheit über  unsere Absicht? Folgen wir bei unserem Ruf nach einem Wertewandel tatsächlich unseren Herzensbedürfnissen? Oder beklagen wir uns eher, frustriert darüber, dass das, was gerade ist wie es ist, nicht unseren Idealvorstellungen entspricht? Es sollte anders sein? Menschen sollten anders sein: Wirtschaftsbosse, Politiker, der Chef, der Kollege, die Nachbarn, die Partner….. Sie sollten sich anders verhalten, anders handeln?

Häufig verwenden wir Wörter und Begriffe einfach so, ohne wirklich den Sinn dahinter zu spüren und zu klären. Und wir gehen davon aus, dass die anderen den gleichen Sinn geben, wie wir selbst das tun. Fragt man 20 Menschen, was sie unter den Begriffen Ideale oder Werte oder zum Beispiel Vertrauen verstehen, erhält man meist 20 unterschiedliche Antworten.

Seit fast 25 Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Werte. Ein komplexes Feld. Ein spannendes Thema. Sowohl von persönlicher als auch von gesellschaftlicher Relevanz und Brisanz. Und ein Thema mit einem enormen Potenzial für neue Möglichkeiten, wenn wir unser Verständnis vertieft und damit unsere Handlungsoptionen dazu erweitert haben.

Mein derzeitiger Erkenntnisprozess zum Thema Werte lässt sich für mich heute in den folgenden Hypothesen zusammenfassen. Wohlwissend, dass sie an dieser Stelle nicht so umfassend beschrieben werden können, wie ich es in meinem Buch getan habe, hoffe ich doch, dass sie Ihre Entdeckerlust aktivieren und Sie zum „Tieftauchen“ animieren.

1. Werte führen immer und alle zu guten Wirkungen. Orientieren wir uns in unserem Handeln an Werten, vermehren wir dadurch das, was wertvoll ist. Vertrauen wir, vermehren wir dadurch Vertrauen. Sind wir ehrlich, vermehren wir dadurch Ehrlichkeit. Wir sind bereit, das zu geben, wovon wir gerne mehr hätten. Wir beteiligen uns, wir geben etwas hinzu.

2. Ideale erzeugen  immer und alle eher Druck, Angst, Rechthaberei, Schuld……Orientieren wir uns in unserem Handeln an Idealen, erscheint die Realität, im Vergleich mit dem Idealbild, als mangelhaft, defizitär, falsch und muss deshalb – entsprechend dem Idealbild – verändert, angepasst werden. Wir fordern, wir wollen etwas haben.

3. Wir brauchen eine differenzierte Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem, was wir Werte nennen und dem, was man als Ideale bezeichnet. Normalerweise benutzen wir den Begriff Werte. Durch unsere Haltung, aus der heraus wir uns mit Werten beschäftigen, machen wir aber aus kraftvollen Werten eher Druck auslösende Ansprüche und rigide Handlungsmaximen:

Wir fordern zum Beispiel, dass Menschen anders sein sollten. Wirtschaftsbosse, Politiker, der Chef, der Kollege, die Nachbarn, die Partner….. Sie sollten sich anders, besser verhalten, besser handeln, nachhaltiger wirtschaften, sie sollten unseren Vorstellungen genügen, dann wäre die Welt in Ordnung. Und wir verurteilen sie, wenn sie es nicht tun.

4. Nach den neuesten Erkenntnissen aus der Quantenphysik verfestigen wir durch diese ablehnende Haltung genau das, was wir eigentlich verändert haben wollen, anstatt Neues zu ermöglichen. Wir geben durch unsere Ablehnung dem Aufmerksamkeit, was wir eigentlich nicht haben wollen, anstatt unsere Aufmerksamkeit und unsere Energie auf das zu richten, was wir gerne hätten, um es dadurch zu vermehren.

5. Wir brauchen Werte. Wir brauchen Wandel. Aber wir brauchen keinen Wertewandel. Wir brauchen keine neuen oder besseren Werte. Und die bestehenden Werte – wenn wir sie dann tatsächlich auch wie Werte behandeln – brauchen keinen Wandel. Wir brauchen nur den Mut, unsere Werte zu leben.

6. Wir brauchen mehr Bewusstheit über das Potenzial, das in unseren  Haltungen steckt. Durch unsere Haltung vernichten wir Werte oder wir vermehren sie. Unsere Haltungen bestimmen, was und wie wir wahrnehmen, bewerten, interpretieren, Schlussfolgerungen ableiten, handeln, sprechen, uns beziehen. Haltungen sind kraftvolle Instrumente, mit denen wir Realitäten erschaffen können. Wir brauchen ein Bewusstsein darüber, wie wir unsere Haltungen nutzen können. Und wir müssen sie in ihren unterschiedlichen Funktions- und Wirkmechanismen unterscheiden lernen.

7. In der Five Steps Arbeit unterscheiden wir drei unterschiedliche Haltungen:

Die Haltung von Box, die Haltung von Möglichkeit und die Haltung der 3. Position.  Jede Haltung ist mit ganz bestimmten Wirkungen verbunden. In dem wir ganz bewusst eine bestimmte Haltung einnehmen, erzielen wir damit eine ganz bestimmte Wirkung. Und wir verhindern dadurch andere Auswirkungen. Nehmen wir zum Beispiel die Haltung von Box ein, in der wir uns normalerweise gewohnheitsmäßig befinden, sind wir in unserer Wahrnehmung auf Mangel und Defizit ausgerichtet. Wir befürchten, dass etwas schief läuft. Menschen nicht kompetent oder rechtschaffen sind. Wir zweifeln an der Ehrlichkeit und misstrauen allem und jedem. Durch diesen unseren Beitrag erschaffen wir mehr Defizit.

8. Wenn wir nach unseren Werten handeln, handeln wir aus unseren Herzensbedürfnissen heraus. Wir setzen uns ein für das, was uns am Herzen liegt und übernehmen die volle Verantwortung für die Realisierung. Es ergeben sich neue Möglichkeiten. Unser Handeln und Verhalten, das sich an Werten orientiert, ist dann kreativ, konstruktiv und additiv. Wir fügen mehr Wert hinzu. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass wir in Kontakt sind mit unseren Bedürfnissen und sie von den Ansprüchen unseres Verstandes unterscheiden können.

9. Kein Wert ist besser oder schlechter als der andere. Wenn ich meine Werte lebe, können auch andere auf ihre Art ihre Werte leben. Meine Werte sind immer nur der Maßstab für mein persönliches Handeln. Ich erwarte und fordere nicht, dass meine persönlichen Werte auch der Maßstab für alle anderen Menschen sein müssen. So kann sich die Fülle, die Vielfalt, in der wir natürlicherweise leben, weiter entwickeln.

10. Wenn wir uns in unserem Handeln an Idealvorstellungen orientieren, orientieren wir uns statt an unseren Bedürfnissen an den Sollvorgaben unseres Verstandes oder an gesellschaftlichen Moralvorstellungen. Wir fordern und erwarten, dass sich die anderen gleichermaßen in ihrem Handeln daran orientieren sollen. Tun sie es nicht, sind die Folgen Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Angriff & Verteidigung, Kampf, Auseinandersetzungen, Destruktivität. Wir verhindern wirklich Neues und wir verhindern Veränderung, nach der wir ja gleichzeitig rufen.

11. Wir geben die Verantwortung für die Veränderung meist gerne an die anderen ab. „Die Politiker, die Wirtschaftsbosse müssen sich ändern“, lautet eine der meist gehörten Forderungen. „Sie sollten sich an Werten orientieren, ethisch korrekter agieren, nachhaltig, uneigennützig, selbstlos, weise….. handeln.“ Sozusagen ein wenig papstgleich. Sie sollten keine Fehler machen. Und wenn, dann meinen wir das Recht zu haben, diese Menschen demontieren zu dürfen. Herzlos, unmenschlich und oft grausam. Beispiele davon finden wir täglich in unserer Umgebung und in den Medien repräsentiert, die – stellvertretend für ihr Publikum – die Demontage vollziehen. Unsere Hände bleiben – scheinbar – sauber.

12. Leben wir da unsere Werte? Nein, wir orientieren uns an den ängstlichen Idealvorstellungen unseres Verstandes. Wir halten uns selbst für die besseren Menschen. Dass unser daraus resultierendes Handeln destruktiv in seiner Wirkung ist, blenden wir meistens aus. Wir verurteilen Menschen, weisen ihnen Schuld und Verantwortung zu für die Welt, wie sie uns nicht gefällt….

Womit wir, die wir nach Wertewandel rufen, uns wahrscheinlich ähnlich verhalten wie die, von denen wir fordern, dass sie sich verändern sollten.

Ich weiß, das klingt provokativ. Zumindest für unseren rechthaberischen Verstand, der sich natürlich sofort von dieser Hypothese angegriffen fühlt und lauthals rebelliert.

13. Rebellion finde ich auch gar nicht so schlecht. Aber vielleicht nicht eine Rebellion des Kopfes. Vielleicht eher eine Rebellion des Herzens. Die fragt nicht nach dem Wogegen? Die Intelligenz des Herzens fragt immer:

1. Wofür wollen wir einen Wertewandel?

2. Wie sähe ein Status Quo aus, mit dem man zufrieden wäre, den man gerne hätte?

3. Was genau sind meine Herzensbedürfnisse?

4. Was sind wir/ich bereit anders zu machen?

5. Auf welche Ressourcen können wir/ich zurückgreifen?

6. Was müssen wir/ ich dafür noch lernen, damit wir/ich es anders machen können?

7. Was will ich konkret beitragen?

8. Wo will ich mich ganz pragmatisch einsetzen?

9. Mit wem will ich kooperieren?……..

14. Den Ruf nach Wertewandel verstehe ich daher mehr als einen Ruf nach einem Bewusstseinswandel. Dem Sprung vom Kopf ins Herz. „Nur mit dem Herzen sieht man gut“, sagte bereits der kleine Prinz in Antoine de Saint-Exupery in seinem gleichnamigen Bestseller. Gelebte Werte. Wertschätzen was ist. Aus einer Haltung von Wertschätzung heraus Veränderungen angehen. Fehler zulassen. Verletzbarkeit erlauben. Lernen. Sich der Fülle der Herzintelligenz bewusst werden. Das eigene volle Herz, das eigene Potenzial teilen. Sich für die Werte einsetzen, die einem wirklich am Herzen liegen, ohne diejenigen, die anders handeln, zu verurteilen oder sich davon entmutigen zu lassen.

15. Es braucht Mut, die Herzensbedürfnisse zu erlauben und sich für deren Realisierung einzusetzen. Mut deshalb, weil der Kopf, der gewohnt ist, der Boss zu sein, wahrscheinlich massive Einwände hervorbringen wird. Weil andere Menschen sich dadurch bedroht fühlen und Widerstand aktivieren. Weil die Gegenwinde sich nicht vermeiden lassen. Aber nur wer im Sturm stehen bleiben kann, schleift seine ureigene Stärke und sein Potenzial, das ist zumindest meine Erfahrung.

„Der Sturm lässt die Kerze verlöschen, aber er facht das Feuer an.“

Arabisches Sprichwort:

Ich weiß nicht, wie sich Ihre Erfahrungen und Ihr Erkenntnisprozess zum Thema Werte darstellen, würde mich an dieser Stelle natürlich sehr über Ihren Input und einen regen Austausch freuen.

Wenn Sie Lust haben noch tiefer in das Thema einzusteigen, finden Sie mehr dazu auf meiner website zum Buch „Das Leben kennt deine Grenzen nicht“ oder bei Five Steps.

Die nächste Coaching Ausbildung, in der -neben vielem mehr- das Thema Werte fundiert behandelt wird, startet mit dem Modul 1 in der Nähe von München vom 12. bis 14. September 2013.

2 Kommentare

  1. Erich Ditzel

    17/07/2013 @ 12:32

    Hallo Liebe Aja,

    danke für den Hinweis auf Euren „Super“ Blog. Speziell das Thema Werte hat für mich einen hohen Stellenwert. Erst durch das Coaching Training wurde mir bewußt wie sehr ich die Werte von „Anderen“ lebe und nicht meine eigenen Werte. Das Coaching Training hat mich gestärkt und mir geholfen mich auf meine eigenen Werte zu besinnen. Ich kann Dir nur zustimmen, wir brauchen keinen Wertewandel. Es sind nicht die Anderen, nicht unser Partner, wir sind für unsere Werte verantwortlich. Seine eigenen Werte zu erkennen und den Mut seine eigenen Werte, mit mehr Herz, zu leben, eröffnet Raum für neue Möglichkeiten. Danke für die „Guidance“ und weiterhin viel Erfolg.

    Herzliche Grüße
    Erich

    • Lieber Erich, danke für deine wertschätzenden Worte. Ich freue mich sehr, dieses vertiefte Verständnis über die Werte teilen zu dürfen. Da Werte aus dem Herzen kommen, ist dadurch wieder eine Herzensverbindung gestärkt worden….wie schön…ich wünsche uns allen, ganz viel und noch mehr davon……